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Wenn man
im ersten Band des chronologischen Inventars der Pariser Veröffentlichungen
des 16. Jahrhunderts, von 1501 bis 1510, nachschlägt, ist
man überrascht, festzustellen, dass die Humanistische Bibliothek
von Sélestat dort öfter als jede andere französische
Bibliothek, mit Ausnahme der Nationalbibliothek, erwähnt
wird. Wenn es eine moderne Bibliothek der Basler Drucke von Jean
und Jérôme Froben gäbe, wäre man ebenso
erstaunt: die Bestände, die in der kleinen elsässischen
Stadt bewahrt wurden, konkurrierten mit denen aus Basel und übertrafen
möglicherweise die aus Paris, ganz sicher aber die aus London.
Dieser unerwartete
Reichtum lässt sich durch die Begegnung mit einem Mann und
einer Stadt erklären. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts existierte
in Sélestat eine ausgezeichnete Schultradition, die einen
außergewöhnlichen Schüler, Beatus Rhenanus (1485-1547)
herausbrachte, der schnell zum einen der besten Gelehrten seiner
Zeit und zum alter ego des "Prinzen der Humanisten",
Erasmus von Rotterdam wurde. Zurückgezogen in seiner Geburtsstadt,
vermacht ihm Rhenanus seinen wichtigsten Schatz, nämlich
seine Bibliothek, und die Gemeindeverwaltung, der "Magistrat",
wie man damals sagte, sind weise und mutig genug, diesen Schatz
über viereinhalb Jahrhunderte fast unbeschädigt zu erhalten.
Dies ist ein außergewöhnliches Glück, wenn man
an die Zerstreuung denkt, die die Werke von Erasmus oder Budé
erwartet. Die einzige Sammlung der damaligen Zeit, die genauso
gut erhalten zu sein scheint, ist Vadiana, die vom Historiker
Joachim Vadian (1484-1551) der Stadt St. Gallen vermacht worden
war, in der er Bürgermeister gewesen war, jedoch kann sie
weder die Reichweite noch den Reichtum der Sammlung aufweisen,
die durch diesen "Literaturmensch", Beatus Rhenanus,
im Laufe seines Lebens entstanden ist. Tatsächlich ist er
erst 15 Jahre alt, als er seine ersten Bücher im Jahre 1500
auf der Messe in Straßburg kauft, während die jüngsten
Werke seiner Bibliothek aus dem Jahre 1546, d.h. ein Jahr vor
seinem Tod, stammen. Wir könnten Jahr für Jahr die Entwicklung
seiner Sammlung durchgehen, dank seiner Gewohnheit, seine Bücher
mit einem datierten Exlibris zu verzeichnen, entweder als er sie
erwarb oder als er sie hat neubinden oder restaurieren lassen.
Dieses findet man zunächst in Form einer einfachen Bemerkung
Est Beati Rhenani Sletstattini, gefolgt vom Datum, dann ist es
das Buch selbst, das erklärt Sum Beati Rhenani, und manchmal
findet man vor dieser Stelle und dem Datum eine Treueerklärung,
die an seinen Meister gerichtet ist Nec muto dominum. Erst im
Kontakt mit den Basler Humanisten ändert Rhenanus seine Gewohnheit:
die erste Formulierung, die im Jahre 1512 noch vorherrschend ist,
lässt im Jahre 1513 der zweiten den Vortritt.
Die Exlibris zeigen uns in einer
sehr sorgfältigen Schrift die Freude, mit der Rhenanus in
den Besitz eines neuen Bands kam; manchmal erinnern sie an die
Art, mit der er diesen erwarb. In seiner Jugend, als seine Ausbildung
durch seinen Vater, einen wohlhabenden Fleischer in Sélestat,
finanziert wird, notiert er den Kaufpreis: ein Detail, das er
später aufgibt, wenn sein literarisches Schaffen und die
wichtigen Erbschaften solche Banalitäten verdrängen.
Im Gegensatz dazu, erwähnt er während seines ganzen
Lebens den Freund, der ihm ein Buch geschenkt oder besorgt hat:
Bei dem Versuch, dem riesigen Bekanntenkreis eines Gelehrten nachzugehen,
der sowohl mit den Schriftstellern als auch mit den Druckern (Lefèvre
d’Etaples und Josse Bade, Erasmus und Froben), der mit den
damaligen Berühmtheiten als auch mit den bescheidenen Unbekannten,
die ihm zaghaft ihr erstes Werk unterbreiteten, verkehrte, stellen
die Exlibris eine nützliche Art dar, seinen Briefwechsel
zu vervollständigen. Er bewahrt eine besondere Anerkennung
für diejenigen, die die Rolle als Vermittler annehmen, ein
Michel Hummerberg, der ihm die letzten römischen Werke besorgt,
ein Guillaume Nesen, der ihm Bücher aus Freiburg liefert,
ein Jakob Spiegel, der ihm dank seiner Funktion am kaiserlichen
Hof als Vermittler zwischen den Fuggers dient, oder der an eine
Handschrift von Tacitus herankommt, die dem König von Ungarn,
Matthias Corvin, gehörte. Trotz seines hochwertigen Einbands,
stellte dieser codex reguis für Rhenanus kein Objekt dar,
mit dem er seine Liebe zur Buchkunst befriedigen konnte, sondern
es war wie alle Bücher, Manuskripte oder Drucke ein Arbeitsinstrument:
wenn er dieses schätzte, dann nur dank der Möglichkeit,
dieses Werk neu herausgeben zu können, in dem er unzählige
Male den Text von Tacitus korrigierte. Ein Patrizier wie Willibald
Pirckheimer sammelte kostspielige Werke der italienischen Drucke:
"Sobald ein schönes und gutes Buch in Italien gedruckt
worden war..., musste er es ganz gleich zu welchem Preis haben.
Solche Ausgaben waren sehr teuer, mit dem Ergebnis, dass diejenigen,
die diese noch heute besitzen, sie wie einen Schatz bewahren,
vor allem die Werke, die von Aldo Manuzio gedruckt worden waren."
Auch Rhenanus besaß eine Sammlung der Aldinen; aber sie
hatte ihn nichts gekostet und sie war von unschätzbarem Wert,
da es sich um Dokumente - Bücher, aber auch Druckfahnen und
für den Druck vorbereiteten Manuskripte - handelte, die sein
Griechprofessor, der Dominikaner Jean Cuno (ca. 1463-1513) nach
Venedig gebracht hatte, wo Aldo Manuzio seine Dienste in Anspruch
genommen oder vielleicht auch ausgenutzt hatte, und die er ihm
nach seinem Tod vermacht hatte.
Beatus Rhenanus, der denselben
Beruf des Korrektors in Paris, Straßburg und Basel ausgeübt
hatte, hat mit einer außerordentlichen Sorgfalt all die
Spuren seiner Arbeit gesammelt, zugleich intellektuell und typographisch,
die zur Entstehung des Buches führt. Die Kartäuser von
Basel überließen 1527 dem Drucker Froben ein Manuskript
von St. Augustin, unter der Bedingung, ein Exemplar der veröffentlichten
Ausgabe zu erhalten. Auf der anderen Seite rettet Rhenanus einen
Kodex aus dem 11. Jahrhundert , der ihm 1521 als Quelle seiner
Veröffentlichung des codex princeps von Tertullian gedient
hatte; wenige Zeit später, nach seiner Erhebung in den Adelsstand
durch Charles Quint (1523), lässt er Blätter, die mit
seinen Korrekturen versehen sind und auf denen die Schriftsetzer
ihre Spuren hinterlassen haben, als einen Einband, der seinen
Wappen trägt, binden. Diese Leidenschaft für das Archivieren,
die ihn dazu bringt, dass er ein einfaches Büchlein aus Rom
so gut wie möglich bewahrt, das schnell von Froben neu gedruckt
wird, eine Leidenschaft, die seine Sammlung zu einem unvermeidlichen
Haltepunkt für jeden macht, der mehr über die Art und
Weise, wie man am Anfang des 16. Jahrhunderts in den Druckereien
von Venedig und Basel arbeitete, erfahren möchte. Wenn also
wertvolle Dokumente der Zerstörung entkommen konnten, dann
nur, weil Rhenanus sie gesammelt hat und sie in Sammelbände,
deren Einband aus Holz und Pergament kaltgeprägt war, hat
binden lassen. Diese Sammelbände zeichnen seine Bibliothek
aus: von den 423 Bänden, die heute in Sélestat bewahrt
werden sind nur 201 einzelne Bücher; der Rest, d.h. 222 Sammelbände,
enthält 1086 Drucke und 41 Handschriftstücke, in die
Mitte der Drucke eingeschoben. Manche Büchlein tragen die
Spuren von möglichen Seriennummern, aber man würde sicherlich
vergeblich nach einer methodischen Klassifizierung suchen, da
die Vielfalt der Subjekte, der Drucker und der Druckdaten, die
man in einem einzigen Sammelband findet, wohl zu groß ist.
Jedenfalls scheint es, dass Rhenanus niemals den Bestand seiner
Sammlung ermittelt hatte; wahrscheinlich verspürte er nicht
dieses Bedürfnis, angesichts der außergewöhnlichen
Vertrautheit zu seinen Büchern. Eine sehr große Anzahl
trägt in der Tat Spuren einer aktiven Lektüre. Der Schüler
oder der Student versieht sein Buch mit Notizen aus den Vorlesungen;
der Humanist liest seine Bücher mit der Schreibfeder in der
Hand, was er als das inter legendum adnotare bezeichnet. Seine
Marginalien reichen von der einfachen Notiz über die Zusammenfassung
eines kürzlich entdeckten Manuskripts bis zur ausgefeilten
Glosse, die Wort für Wort sein nächstes Werk schmücken
wird. Der Vater von Beatus hat sein Messbuch mit dem Geburtstdatum
seines Sohnes versehen; und der wiederum wird auf der Innenseite
des Einbands oder auf den Zwischenblättern eine Unmenge an
Texten schreiben, die ihm als interessant genug erscheinen, seien
es die zu der Zeit noch nicht veröffentlichten Passagen von
Ammianus Marcellinus oder von Ireneaus von Lyon oder aktuelle
Stücke wie ein Gedicht über Ludwig XII oder ein Gebet
von Erasmus.
Es fällt uns schwer, sich
Rhenanus inmitten seiner Bücher sei es in Basel oder Sélestat
vorzustellen, nachdem er in sein Familienhaus "Zum Elefanten"
(A l’éléphant) in der rue du Sel eingezogen
ist. Man weiß, dank der Details, die Jean Sturm in seinem
Werk "Das Leben des Beatus Rhenanus" liefert, dass dieser
fromme Junggeselle ein lerneifriges und zurückgezogenes Leben
führte, dass er ihn sogar des Egoismus beschuldigt: Beatus
est beatus, attamen sibi. Die jungen Männer, die ihm als
Famuli dienten, Albert Bürer und dann Rodolphe Bertschi,
mussten ihn in seinen alltäglichen Geschäften begleiten;
die diskrete Hilfe einer älteren Dienerin sollte die Bibliothek
von dem Staub und dem Schmutz fernhalten, die gemäß
den Humanisten die Klösteraltare charakterisierten. Auf der
anderen Seite machen es die erhaltenen Bücher möglich,
die Vorlieben und Eigenartigkeiten von Rhenanus zu skizzieren.
Die klassischen Sprachen, vor allem das Latein, dominieren; Hebräisch
erscheint nur diskret mit den Werken von Reuchlin und Münster.
Es gibt quasi keine Bücher auf
französisch und auf italienisch, aber das Deutsche ist durch
mehrere Werke gut vertreten. Der Schüler aus Sélestat
hatte vor allem Grammatikabhandlungen und Schulbücher gekauft;
während seines Studiums in Paris (1503-1507) begeistert sich
Rhenanus für die Philosophie und für die Werke der Humanisten,
sowohl in Vers- als auch in Prosaform: seine "Reise nach
Italien" ist rein bibliographisch. Als er ins Elsass zurückkehrt,
mit 22 Jahren, besitzt er bereits 253 Bücher, was für
die damalige Zeit bemerkenswert ist. Während seiner Zeit
in Straßburg (1507-1511), später in Basel (1511-1528)
errichtet er eine ausgezeichnete Sammlung von alten Autoren, griechischen
und lateinischen, heidnischen und christlichen. Er verleugnet
auch nicht die Literatur der damaligen Kontroverse und macht sich
sogar für eine Zeit lang zum Propagandisten der Lutherschen
Schriften, bevor er sich endgültig der Richtung von Erasmus,
seinem wahren Meister, zuwendet. Nach seiner Rückkehr nach
Sélestat versucht er weiter, den antiken Bereich seiner
Bibliothek auszubauen, dessen einige erstklassige Stücke
wie in-folio von Livius, Ambrosius und Jean Chrisostom, im Jahre
1534 mit seinem Wappen geschmückt werden. Dennoch lenkt ihn
sein Interesse, das er immer mehr der Geschichte und den nationalen
Antiquitäten widmet, in Richtung germanisches Mittelalter.
Von 1540 an gerät die Gesundheit von Rhenanus ins Wanken:
er gibt nichts mehr heraus und seine Bibliothek scheint nur noch
durch die Huldigungen und die Dienste zu wachsen, die ihm seine
treuen Freunde erweisen, wie der Straßburger Drucker, Kraft
Müller, der ursprünglich aus Sélestat stammt.
Bis zu diesem
Wendepunkt ist es Rhenanus gelungen, die wichtigste Bibliographie
in all seinen Bereichen zu erschaffen, und somit konnte er sich
gänzlich seinem einzigen Ziel im Leben widmen, dem Schutz
dieser wertvollen Literatur. Ein so beeindruckendes Arbeitsinstrumentarium,
so reich an Projekten, durch den Tod abgeschnitten, sollte die
Aufmerksamkeit der Gelehrten und Drucker auf sich ziehen. Am 19.
Januar 1549 fordern die Basler Behörden öffentlich vom
Magistrat von Sélestat eine bestimmte Anzahl an Büchern,
Handschriften und Drucken, die J. Froben und N. Episcopius nicht
wiedererlangen konnten. Man musste ihnen nachgeben, und auf diese
Weise verschwanden die Werke, die Rhenanus sicherlich griffbereit
hätte, wie seine eigene Ausgabe des Rerum Germanicarum libri
tres, wo er das Material für eine neue Ausgabe gesammelt
hatte und die des Livius, dessen Marginalien Textvergleiche der
Manuskripte aus Worms und Speyer enthielten, die heute leider
verloren gegangen sind. Daraufhin, trotz der dauernden Anleihen
durch die Jesuiten von Sélestat, trotz der Gier, die durch
den Katalog entstanden ist, den man im Jahre 1739 abgeschlossen
hatte, trotz der Flucht von Bänden nach Paris, Cambridge
oder New Haven, ist die Sammlung erhalten geblieben. Die Bibliothek
des Rhenanus ist immer noch etwas Lebendiges: seit 1757 mit der
Pfarrbibliothek zusammengeschlossen und seit einem Jahrhundert
in der majestätischen Kulisse der ehemaligen Getreidebörse
eingerichtet; heute ist es ein idealer Ort, um in die Privatsphäre
eines Humanisten einzutreten und um die zu treffen, die er getroffen
hatte, und das sind die klügsten Geister seiner Zeit.
Pierre Petitmengin
(Dieser Text ist zum ersten Mal
erschienen in: Histoire des Bibliothèques Françaises,
Band I : Les Bibliothèques Médiévales du
VIe siècle à 1530 , Paris, Promodis – Editions
du Cercle de la Librairie, 1989, S. 298 – 301).
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