STARTSEITE
VORWORT

 

 

"Die Humanistische Bibliothek, Beatus Rhenanus und die Leidenschaft für die Literatur im 15. und 16. Jahrhundert"

 

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass das literarische Schaffen im 15. und 16. Jahrhundert wahrhaftig eine Leidenschaft war, oder vielmehr ein leidenschaftlicher Kampf. Die Menschen, die wir als "Humanisten" bezeichnen (diejenigen, die obwohl sie fromme Christen waren, zur heidnischen Eloquenz zurückkehren wollten, und zwar auf Kosten des modernen Lateins, das die Universitäten und deren Terminologie kennzeichnete) waren der festen Überzeugung, einen Kampf zu führen.
Es ging darum, für die Literatur den Platz wiederzuerlangen, den sie nach und nach in den Kunstfakultäten und im Geist verloren hatte, mit dem Erscheinen und dem Erfolg von Aristoteles und der Bettelorden in den Universitäten (insbesondere im 13. und 14. Jahrhundert).

Die "Renaissance" der schönen Literatur beginnt hauptsächlich mit Petrarch (1304-1374) und wird ein Jahrhundert später durch die erstrangige technische Weltneuheit begleitet, der Erfindung des Buchdrucks (ca. 1450).
Eine literarische italienische Bewegung, die auf einer deutschen Erfindung basiert. Die elsässische Ebene stand dem Einfluss der italienischen Humanisten sehr offen gegenüber und Beatus Rhenanus zögerte nicht anzuerkennen, was er Angelo Poliziano (1454-1494) oder Ermalao Barbaro (1453-1493) zu verdanken hat. Aber das Leben des Beatus Rhenanus lehrt uns, diese literarische Bewegung nicht als etwas Revolutionäres anzusehen.

Als Schüler in Sélestat hat er sein Latein dank "mittelalterlicher" traditioneller Texte gelernt, und in Paris hat er wie jeder Student einer Universität Aristoteles studiert und dies mit viel Lerneifer. In der Tat hat die Art, unter der Leitung von Lefèvre d'Etaples zu studieren, mit der Vergangenheit gebrochen. Wie dem auch sei, man muss beachten, dass diese Anfänge für Rhenanus und seine spätere erstaunliche Arbeit als Philologe und Historiker sehr nützlich waren. Er wird wahrhaft als einer der besten Lateinphilologen betrachtet, wenn nicht der Beste in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts: es genügt hier seine Veröffentlichungen von Tacitus (1519, 1533 und 1544) und von Tertullian (1521, 1528, 1539) zu nennen. Aber er ist auch mit Leib und Seele ein Schrifsteller, vor allem der Autor der Geschichte von Elsass und Deutschland (1531, 1551), seiner Zeit weit voraus, ganz zu schweigen von seinen Kommentaren zu verschiedenen Autoren, eine Arbeit, die zu seiner Zeit eine Literaturgattung erschuf, von seinen Biographien von Erasmus oder von seinem Briefwechsel. Tatsächlich stellt man bei ihm einen Schaffenszyklus fest: er beginnt als Lektor anderer Modelle, wird dann zum Korrektor oder Herausgeber dessen, was er gelesen hat und schließlich zieht er aus diesen Erfahrungen einen Nutzen und wird Schriftsteller in den Gattungen seiner Schriftstellermodelle. Sein Ziel ist es, diese Literaturgattungen zu fördern, genauso wie den Stil, in dem sie geschrieben wurden und die Wissenschaft voranzutreiben. 

Die Humanistische Bibliothek von Sélestat ist, vor allem dank der Erhaltung der Privatbibliothek des Beatus Rhenanus, besonders dazu geeignet, uns die Leidenschaft für die Literatur im 15. und 16. Jahrhundert näherzubringen. Man findet hier das Zeugnis, in Form eines Manuskripts, der Art und Weise, mit der in der berühmten Druckerei des Aldo Manucio (1449-1515) in Venedig gearbeitet wurde. Derjenige, der die Lehren des Aristoteles in der Universität von Paris studieren will, wird nicht zum Müßiggänger. Dann, gebührendeweise, gibt die Sammlung der Bibliothek naturgetreu und mit viel Glanz das intellektuelle Leben in Straßburg und Basel und das der Druckereien wieder: Erasmus (ca. 1469-1536) ist dort allgegenwärtig. Und schließlich gibt die Sammlung einen guten Überblick über die wichtige Rolle der germanischen Klöster für die Erhaltung der Werke der Antike, deren Manuskripte die Humanisten wie Beatus Rhenanus eifrig studiert haben. 

Somit ist die Humanistische Bibliothek wie ein Spiegel des leidenschaftlichen Kampfes dieser Periode, die zu Gunsten der Literatur und zu Gunsten der Sprachgewandtheit gelebt wurde; es handelt sich um einen Kampf für die äußere Schönheit, die in ihrer Erschaffung die innere Schönheit herbeirief. 

James HIRSTEIN

 

SEITENANFANG